Rainer Brambach – Ich wiege 80 Kilo und das Leben ist mächtig.

Leben

Ich schreibe keine Geschäftsbriefe,

ich beharre nicht auf dem Termin

und bitte nicht um Aufschub.

Ich schreibe Gedichte.

 

Ich schreibe Gedichte auf den Rummelplätzen,

in Museen, Kasernen und Zoologischen Gärten.

Ich schreibe überall,

wo Menschen und Tiere sich ähnlich werden.

 

Viele Gedichte habe ich den Bäumen gewidmet.

Sie wuchsen darob in den Himmel.

Soll einer kommen und sagen,

diese Bäume seien nicht in den Himmel gewachsen.

 

Dem Tod keine Zeile bisher.

Ich wiege achtzig Kilo, und das Leben ist mächtig.

Zu einer anderen Zeit wird er kommen und fragen,

wie es sei mit uns beiden.

Rainer Brambach, aus «Wirf eine Münze auf», Gedichte zwischen 1958 und 1977, Diogenes-Verlag, Zürich

 

Der Lyriker Rainer Brambach (1917–1983) hinterliess rund 140 Gedichte und zwei Dutzend kurze Erzählungen: kein grosses, aber ein ausserordentliches und sehr eigenständiges Werk.

Rainer Brambach, in Basel zur Welt gekommen, war der Sohn einer Berner Herrschaftsköchin und eines deutschen Klaviertechnikers. Wegen der Herkunft seines Vaters war auch er für die Schweizer Behörden ein Deutscher, und im Januar 1939 wurde er nach Deutschland ausgewiesen. Nach einem Monat im Reichsarbeitsdienst drohte Brambach die Einberufung in die Wehrmacht. Doch er floh zurück in die Schweiz, wurde hier interniert, ausgebürgert und schliesslich staatenlos. Damals begann er zu dichten. Der Lyriker, Gelegenheitsarbeiter und Gartenbauer war in der Literaturszene der Nachkriegszeit eine Ausnahmeerscheinung. Er veröffentlichte Texte in renommierten Literaturzeitschriften und gewann, noch bevor sein erster Gedichtband veröffentlicht war, zwei Lyrikpreise.

Wir lernten Rainer Brambach über Ulea Schaub kennen, seine dritte und letzte Lebenspartnerin. Sie kam mit der Idee zu uns, anlässlich seines 100. Geburtstags mit einer Publikation an sein Werk und seine Person zu erinnern. Brambach hat uns mit seiner Sprache und seiner Geschichte sofort fasziniert. Wir sichteten Erinnerungen von Kollegen, Weggefährten, Archivmaterial und lasen uns durch seine Texte – Gedichte, Erzählungen und die umfangreiche Korrespondenz mit Freunden wie Armin Mohler, Günter Eich und Hans Bender.

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